I O S
INDIVIDUAL
OPTIMIZATION
SOCIETY

THEATERINSTALLATION MIT KEN BAEHR, JANIS FISCH, TABITA JOHANNES, KATERYNA NIGBUR, ANSIRÉ SISSOKO, 2016

IOS is an agency offering consulting services for its clients‘ individual optimization processes. With the general goal of enhancing the client’s quality of life, IOS helps to identify the client’s optimization processes and develop optimization strategies. Besides the multi-step individual consulting service, IOS hosts talks and discussions on different aspects of self-optimization.

Gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg und dem hinterconti e.V.


DIE PERFORMANCEINSTALLATION IOS - INDIVIDUAL OPTIMIZATION SOCIETY

von Power, Corruption & Lies

I.

Eine der wichtigsten Entwicklungen in der Entstehung der Individual Optimization Society war die Abkehr von einer Theaterinstallation, die sich als Theater zu erkennen gibt.
Am Anfang des Projekts IOS – Individual Optimization Society, das damals noch Power, Corruption & Lies heißt, steht der Entwurf für eine Theaterinstallation, in der die Besucherin nacheinander verschiedene Simulationen von bürokratischen Eins-zu-eins-Situationen durchläuft. Wie in Levels eines Computerspiels soll die Besucherin in die Situationen eintauchen, an einem kurzen dramatisierten Handlungsablauf teilnehmen und schließlich wieder auftauchen, um dann zur nächsten Situation der Theaterinstallation weitergeleitet zu werden.
Laura Bieger beschreibt in „Ästhetik der Immersion“ den Immersionsprozess als manipulative Verführung der Betrachterin, sich der Illusion empathisch hinzugeben. Immersion ist laut Bieger eine Wahrnehmungsbewegung, die einer Choreographie aus Illusionsbildung – dem Eintauchen – und deren Entlarvung – dem Auftauchen – folgt.

Als interaktive Theaterinstallation verfolgt bereits der erste Entwurf der IOS das Ziel, die Besucherinnen zum Eintauchen in die Illusion der simulierten Kontexte zu verführen. Wie häufig in interaktiven Theatersituationen soll auch hier die dramatische Handlung nicht nur vor den Augen der Besucherin, sondern in Zusammenspiel mit ihren Aktionen entstehen. Durch die Immersion in den simulierten Kontext eröffnet sich der Besucherin ein Referenzrahmen für ihr eigenes Handeln in der Konfrontation mit der Performerin der Theaterinstallation.

Wenn Immersion also diese interaktive Koproduktion des individuellen Theatererlebnisses begünstigt, wie kann der Immersionsprozess optimiert werden? Wodurch wird die Besucherin verführt, sich der in der Theaterinstallation konstruierten Illusion hinzugeben? Die erwähnte Koproduktion des eigenen Theatererlebnisses durch die Besucherin ist gleichzeitig Fluch und Segen des interaktiven Theaters. Denn dadurch, dass die Besucherin durch ihr Verhalten die dramatische Handlung mehr oder weniger stark beeinflusst, wird sie instrumentalisiert für das Fortbestehen der Theatersituation. In fast allen interaktiven Theatersituationen ist für die Besucherin durchschaubar, dass sie als Teilnehmerin an einer interaktiven Theatersituation Verantwortung für das Bestehen der dramatischen Handlung trägt. Diese Präsenz des Theatermodus hemmt die Akzeptanz der Illusion auf Seite der Besucherin.

Wenn sich die interaktive Theaterinstallation jedoch nicht mehr als Theater zu erkennen gibt, wird das Verhalten der Besucherin nicht mehr durch ihr Theaterbewusstsein beeinflusst. Sie wirkt weiterhin auf die Entwicklung der dramatischen Handlungen ein, jedoch ohne das Bewusstsein, sich auf dem Spielbrett der Diegese zu bewegen.

Das Konzept für die Theateristallation IOS wird also umgedacht: Anstatt eine Reihe von bürokratischen Eins-zu-Eins-Situationen in einem Theaterkontext zu simulieren werden die Eins-zu-Eins-Situationen in einen Kontext eingebettet, der sich nicht als Theatersituation zu erkennen gibt. Dieser Kontext ist die Selbstoptimierungsberatung IOS, die in ihrer Erscheinung, ihrem Vokabular und ihrer Funktionsweise zeitgenössische Agenturen und Consultingfirmen nachahmt.
Dieser Schritt hin zu einer Theaterinstallation inkognito verändert den Konzeptions und Probenprozess der IOS entscheidend. Im Folgenden wurde weniger an der Theaterinstallation IOS als an der Selbstoptimierungsagentur IOS gefeilt.

II.

Im Immersionsprozess wird von der Besucherin sowohl beim Eintauchen als auch beim Auftauchen ein toter Punkt überwunden. Eine Schwelle, die den Übergang zwischen realer und fiktiver Welt markiert. Wie beim Einschlafen kann das Übertreten dieser Schwelle durch bestimmte Faktoren unterstützt oder behindert werden. Wie beim Aufwachen kann es von externen Einflüssen hervorgerufen oder durch die immanente Auflösung der Immersion herbeigeführt werden.

Um das Einschlafen zu erleichtern, wird der Zustand des Wachens dem Zustand des Schlafens angenähert: Man legt sich hin, schließt die Augen und atmet ruhig, um das Übertreten der Schwelle zu Schlaf vorzubereiten. Das Annähern eines Zustands an den Anderen erleichtert auch bei der Immersion das Übertreten der Schwelle zur Illusion der Theaterinstallation.

Im Fall der IOS wird die Illusion der Theaterinstallation so weit wie möglich mit der sie umgebenden Realität verwoben. Die fiktive Selbstoptimierungsagentur IOS erhält ein Corporate Design, das sie als Agentur und wirtschaftliches Unternehmen legitimiert. Bei der Entwicklung des Corporate Designs wird ein zeitgenössisches visuelles und sprachliches Vokabular aufgegriffen, das von vergleichbaren Coachingangeboten und Agenturen benutzt wird. Dadurch, dass - schon in der unmittelbaren Nachbarschaft - viele vergleichbare Unternehmen mit diesem (visuellen) Vokabular in Erscheinung treten, begegnet die Laufkundschaft der Illusion der IOS nicht anders als anderen Coachingagenturen.

Für spontane Besucherinnen der IOS, die sich dessen theatraler Natur nicht bewusst sind, sorgt das Corporate Design der IOS dafür, dass das Eintauchen in die Theaterinstallation nahezu widerstandslos von sich geht. Spontane Besucherinnen werden schon auf der Straße vom IOS-Promoter als potenzielle Klientinnen angesprochen und nehmen die IOS von Anfang an als kurioses, aber glaubwürdiges Unternehmen wahr. Unabhängig davon, ob die Passantinnen das Angebot der IOS in Anspruch nehmen sind sie in die Immersion der Theaterinstallation eingetaucht.

Bei Besucherinnen, die die IOS bewusst als Theaterinstallation aufsuchen ist der Vorgang des Eintauchens stark von Neigung und Befangenheit der Besucherin abhängig: Während einige Besucherinnen die fiktiven Rahmenbedingungen der Illusion sofort aufgreifen, bleiben andere Zuschauerin auf kritischer Distanz oder versuchen die konstruierte Illusion zu sabotieren. Da der Prozess des Eintauchens besonders bei kritischen Besucherinnen schwierig zu kontrollieren ist, kommen hier vor allem Techniken zur Kontrolle des Auftauchens zum Tragen.

Diese Techniken sollen – wieder ähnlich wie beim Schlafen – eine spontane, unkontrollierte Änderung des gegenwärtigen Zustands, hier also das Auftauchen, verhindern. Auf der einen Seite werden externe Einflüsse, die den Zustand beeinflussen können, so weit wie möglich eliminiert. Da die Illusion der IOS auch durch das Zusammenspiel mit seiner Umgebung und Nachbarschaft legitimiert wird, spielt die Isolierung der Theaterinstallation gegen externe Einflüsse hier allerdings eine untergeordnete Rolle. Auf der anderen Seite muss sich der Zustand aus sich heraus selbst aufrechterhalten. Für die Theaterinstallation IOS bedeutet das vor allem, dass sich die konstruierte Illusion der Selbstoptimierungsagentur als glaubhafte, kohärente Umgebung selbst bestätigt. Sobald sich die fiktiven Rahmenbedingungen der Theaterinstallation widersprechen, besteht die Gefahr, dass die Besucherin frustriert oder im Affekt auftaucht.

Anfällig für Widersprüche ist vor allem der Fiktionstext der Theaterinstallation IOS. Der Fiktionstext legt Eigenschaften und Hintergründe der Charaktere und Organisationen der IOS fest. Der Fiktionstext ist erfahrungsgemäß der Aspekt der Theaterinstallation, der von den Besucherinnen am häufigsten auf die Probe gestellt wird. Mit der Galerie Hinterconti als Aufführungsort ist z. B. eine der meistgestellten Fragen an den Fiktionstext, warum die IOS ihre Filiale in den Räumen der Galerie eröffnet habe. Für Fragen wie diese muss der Fiktionstext eine Antwort bereithalten, die die Illusion bestätigt. Die Consultants der IOS sind häufig mit Besucherinnen konfrontiert, die die Performerinnen gezielt bei widersprüchlichen Aussagen ertappen wollen. Auch hier muss der Fiktionstext detaillierte Charakterbiographien, Firmenlaufbahnen und Unternehmensdaten definieren, um Widersprüchen vorzubeugen.
Neben einem glaubhaften Fiktionstext kann die Illusion der Theaterinstallation auch auf anderen Ebenen bestätigt werden. Eine der größten Herausforderungen der Theaterinstallation IOS ist, die diegetischen Ansprüche der Besucherinnen an das Beratungsangebot der IOS zu erfüllen, also die Erwartungen, die die Besucherin in der Rolle der Klientin an die Selbstoptimierungsberatung richtet. Die IOS muss also um glaubhaft zu bleiben, sein professionelles Beratungsangebot legitimieren.

Die IOS verspricht seinen Kundinnen eine Steigerung ihrer persönlichen Zufriedenheit. Zwar ist die IOS als Theaterinstallation nicht auf langfristige Erfolge seiner Beratung angewiesen, trotzdem muss die in der Theaterinstallation angebotene Beratung die Klientinnen zumindest teilweise von ihrer Wirksamkeit überzeugen. Auch hier gilt: Eine unglaubwürdige Beratung führt zum Kollaps der Illusion und zum Auftauchen der Besucherin. Die IOS als Theaterinstallation geht davon aus, dass sich die Besucherin in der Beratung so verhält, wie sie sich als Klientin in einem realen Beratungsangebot verhalten würde. Für die Besucherin ist sie selbst als Klientin glaubwürdig, sie stellt sich in ihrer Rolle weniger in Frage als sie die IOS möglicherweise in Frage stellt. Aus diesem Grund versucht die IOS, den Redeanteil der Consulatants gering zu halten. Die IOS-Consultants nehmen die Informationen und Äußerungen der Klientin auf und umschreiben sie mit dem Firmeneigenen Beratungsvokabular. Beispielsweise wird die Klientin in der Schwerpunktberatung der IOS dazu animiert, ein Lebensziel im Bereich der Schwerpunktberatung zu nennen. Der Consultant antwortet daraufhin konstatierend mit einer paraphrasierten Schilderung des „Optimums“ im „Selbstoptimierungsprozess“ der Klientin. Er stellt fest, dass die Klientin in dieser Hinsicht ein großes „SOP“ (Selbstoptimierungspotenzial) hat. In dieser Hinsicht ähnelt die IOS-Beratung Coachingangeboten: Im Beratungsprozess liefern die Klientinnen das Problem, das Ziel und sogar mögliche Lösungen, die von den Consultants aufgenommen und mithilfe von professionellen Strukturen, Methoden und Fachtermini in ein marktfähiges Produkt transformiert werden, dass der Klientin verkauft wird.

Auch der Einsatz von Musik ist ein Mittel, mit dem in der Theaterinstallation IOS das Auftauchen der Besucherin kontrolliert wird. Ebenso wie das Corporate Design orientiert sich das IOS-Sounddesign an Konventionen privater Unternehmen. In der Filiale der IOS läuft durchgehend das IOS-Radio, mit vier Originalkompositionen für die IOS bestückt. Die vier Instrumentals der IOS-Muzak vertreten jeweils ein Mainstream-Genre, um einen möglichst breiten Geschmack anzusprechen. Sie verzichten auf ungewöhnliche Rhythmik oder Harmonik und wechselhafte Dynamik, um die Abläufe der IOS zu stören. Gesungene „Optimization“-Mantras verorten die Hintergrundmusik im Kontext der IOS.

Wichtig ist bei der Kontrolle des Auftauchen aber nicht nur, das spontane, disruptive Auftauchen der Besucherin verhindert wird, sondern auch das kontrollierte Herbeiführen des Auftauchens zu einem bestimmten Zeitpunkt.

In der Theaterinstallation IOS beginnt mit der dritten Beratungsstufe und dem Eintritt in den Reflexionsraum ein Fade-Out der kontrollierenden Techniken, die das spontane Auftauchen verhindern. Der Reflexionsraum ist bis auf wenige schwache Leuchtdioden auf Kopfhöhe fast völlig abgedunkelt. Das Weiß der Beratungsräume und das Corporate Design der IOS findet sich in diesem Raum nicht. Auch der Guidance-Counselor der IOS ist beim Eintreten in den Raum kaum zu erkennen. Während in den Beratungsräumen das Visuelle dominiert, ist der Reflexionsraum vor allem eine haptische und auditive Erfahrung. Der Boden des Raumes ist zu Knöchelhöhe mit Wasser geflutet, beim Eintreten wird die Klientin gebeten, ihren PZI-Fragebogen ins Wasser gleiten zu lassen. Das Loslassen des Fragebogens ist der erste Schritt bei der Distanzierung vom strukturierten Beratungsprozess mit seiner inhärenten Disziplinierung der Besucherin. In den Beratungsräumen öffnet sich die Besucherin dem Consultant häufig vor den Augen der Wartenden. Im Dunkel des Reflexionsraums ist die einzelne Besucherin nur schwer zu erkennen, darüber hinaus betritt sie den Raum meistens mit anderen Besucherinnen. Die Besucherinnen setzten sich voneinander abgewandt auf einen großen Sitzsack in der Mitte des Raumes.

In den vorherigen Beratungsphasen wurde von der Besucherin als Klientin Transparenz erwartet. Die Besucherin als Teil der Community, die sie von den Warteplätzen und durch das Schaufenster beobachtete, wurde als Unperfekte respektiert, weil Sie sich in ihrer Unvollkommenheit öffnete und den Willen zur Optimierung zeigte. Im Reflexionsraum verschwindet dieses Transparenzbedürfnis. Auch das Fachvokabular fehlt in diesem Raum, statt in zielführenden Entscheidungsbäumen den Selbstoptimierungsprozess zu kartieren, richtet der Guidance-Counselor im Reflexionsraum mehr indirekt das Wort an die Besucherinnen und spricht von Wünschen und Vorstellungen statt Optimierungszielen und Client-Journeys. Die Illusion der IOS wird Stück für Stück aufgelöst, indem das Thema Selbstoptimierung aus dem Unternehmenskontext herausgelöst wird und in die extradiegetische Welt übergeben wird. Durch die sukzessive Ausblendung der IOS-Illusion entlässt die Theaterinstallation die Besucherin in der Auseinandersetzung mit dem Theam Selbstoptimierung unabhängig von den Vorsätzen der Agentur IOS. Der Reflexionsprozess geht also weiter, auch ohne die IOS.